Ein individueller Abschied trotz Amtsbestattung
Eine Urne aus Wildseide mit Filzblüten für die lebenslustige Bärbel.
Als Bärbel starb, hinterließ sie keine direkten Angehörigen. Keine Kinder, keinen Ehepartner, niemanden, der im rechtlichen Sinne für ihre Bestattung verantwortlich gewesen wäre. So wurde ihre
Beisetzung von Amts wegen organisiert – sachlich, effizient, ohne persönliche Gestaltung. Eine anonyme Standardurne, ein klar geregelter Ablauf. So sieht es oft aus, wenn niemand da ist, der
offiziell zuständig ist.
Doch Bärbel war mehr als ein Verwaltungsakt.
Sie war eine lebenslustige Frau, eine überzeugte Single-Frau, die das Leben genoss: Gespräche, Lachen, Freundschaften. Sie war die Schwägerin eines verstorbenen Freundes, und auch zwischen uns
bestand eine freundschaftliche Verbindung. Vor allem aber hatte sie Menschen hinterlassen, die sie kannten, mochten und vermissten – auch wenn sie keine Angehörigen im juristischen Sinne
waren.
Und genau hier beginnt diese Geschichte.
Engagement ohne Verpflichtung – aber mit Haltung
Ich war nicht verantwortlich im Sinne der Totenfürsorge. Ich musste nichts tun.
Und doch konnte ich es nicht ertragen, dass eine Frau wie Bärbel still und schmucklos verabschiedet werden sollte – als hätte ihr Leben keine Farben gehabt.
Auch bei einer Amtsbestattung ist mehr möglich, als viele denken. Es braucht jemanden, der hinsieht. Der fragt. Der bereit ist, Verantwortung zu übernehmen, auch ohne dazu
verpflichtet zu sein. In Bärbels Fall war es möglich, eine individuelle Urne zu gestalten und sie im Rahmen der offiziellen Abläufe einzubringen. Später stellte sich sogar heraus, dass aus
dem Nachlass doch noch Mittel verfügbar gemacht werden konnten – sodass mir die Kosten für die Beisetzung im Urnengemeinschaftsgrab bei ihrer Schwester erstattet wurden.
Doch das ist nur eine Randnotiz.
Wichtig ist etwas anderes: Würde entsteht nicht durch Zuständigkeit, sondern durch Zuwendung.
Eine Urne, die von Leben erzählt
Um Bärbels Persönlichkeit sichtbar zu machen, gestaltete ich eine einzigartige, handgefertigte Stoffurne.
Cremefarbene Wildseide bildete die Basis – ein natürliches, leicht strukturiertes Material, das sich warm und lebendig anfühlt. Die Oberfläche ist nicht perfekt glatt, sondern erzählt von
Echtheit und Charakter. Genau das passte zu ihr.
Darauf applizierte ich handgefilzte Blüten in kräftigen Rot- und Pinktönen. Farben voller Energie, Lebensfreude und weiblicher Kraft. Sie stehen für Lebendigkeit, für Genuss, für ein offenes
Herz.
Die Verbindung aus der matt schimmernden Seide und den leuchtenden Farben der Blüten machte die Urne zu einem ausdrucksstarken Symbol: kraftvoll und sanft zugleich – wie Bärbel selbst.
(Auf den Bildern ist zunächst die leere Stoffurne zu sehen, dann die befüllte Urne. Sie zeigen auch, wie die Aschekapsel im Inneren liegt und von der Stoffurne
umhüllt wird – eine stille, schützende Form.)
Ein Abschied in Gemeinschaft
Per Telefon lud ich ihre beiden engsten Freundinnen ein, um gemeinsam Abschied zu nehmen.
Keine große Trauerfeier, keine Reden – aber ein bewusst gesetzter Moment.
Wie mir die beiden später erzählten, war die Zeit in der kleinen Trauerhalle sehr besonders. Die Urne stand dort. Still. Präsenzfüllend.
Sie sagten, der Raum habe sich verändert. Es sei gewesen, als wäre Bärbel für einen Augenblick wieder da – nicht als Körper, sondern als Erinnerung, als Gefühl, als gelebte Beziehung. Die
Übergabe der Urne wurde für sie zu einem leisen, aber tief bewegenden Moment.
Ihre Freundinnen waren zu Tränen gerührt. Und dankbar. Nicht nur für die Urne selbst, sondern dafür, dass Bärbel gesehen wurde. Dass ihr Leben Spuren hinterlassen durfte – sichtbar, fühlbar und
würdevoll.
Währenddessen hielt ich bei mir zu Hause ein kleines, eigenes Gedenk-Ritual mit ab.
Still. Für mich.
Weil ich nicht vor Ort dabei sein konnte – und doch auf meine Weise Abschied nehmen wollte.
Eine stille Nachricht, die weitergetragen wurde
Zu diesem Abschied gehörte für mich noch ein weiterer, leiser Schritt.
Ich gestaltete eine kleine Traueranzeige für den Versand per WhatsApp – bewusst schlicht, persönlich und gut teilbar. Ein Format, das heute oft der einzige Weg ist, um Menschen
zu erreichen, die räumlich entfernt sind oder nicht zur Beisetzung kommen können.

Als Kommunikationsdesignerin und mit meiner Selbstständigkeit Strandgut Design, die auch Teil meines Angebots bei artemori ist, übernahm ich diese Gestaltung. Aus einem Foto, das ich auf der
Beisetzung ihres Schwagers nur wenige Monate zuvor gemacht hatte, entfernte ich den Hintergrund und weitere Personen und gab dem Bild Raum, ganz bei ihr zu sein. Ein zartes florales Elemente und
ein Spruch in einer geschwungenen Handschrift rahmten das Porträt ein, ohne es zu überlagern. Dazu schrieb ich ihren Namen und die Lebensdaten – ruhig, würdevoll, klar.
Die Anzeige wurde von ihren Freundinnen an weitere Freunde und Bekannte weitergeleitet, die nicht bei der Beisetzung dabei sein konnten. Auf diese Weise erreichte Bärbels Abschied noch mehr
Menschen. Sie wurde gesehen, erinnert, betrauert – auch über die Grenzen dieses einen Ortes hinaus.
Für mich war auch das ein Ausdruck von Gemeinschaft.
Und ein Zeichen dafür, dass Abschied heute viele Formen haben darf – analog und digital, still und verbindend zugleich.
Was bleibt
Diese Erfahrung hat mir gezeigt, dass individuell gestaltete Stoffurnen mehr sind als ein alternatives Bestattungsgefäß. Sie sind Erzählräume. Sie geben Persönlichkeit zurück – selbst dort,
wo Strukturen eigentlich keine Individualität vorsehen.
Aus genau diesem Gedanken heraus habe ich artemori gegründet.
✪ Jeder Mensch verdient einen würdevollen Abschied.
✪ Jeder Abschied darf persönlich sein.
✪ Auch dann – oder gerade dann –, wenn jemand offiziell „allein“ gegangen ist.
Mit artemori erzählen wir Geschichten.
Auch die deiner Liebsten.
Individuell gestaltete Stoffurnen machen den Abschied einzigartig – und spenden Trost.
Die Geschichte von Bärbel hat mich darin bestärkt, wofür artemori steht.
Für Abschiede, die persönlich sein dürfen. Für Erinnerungen, die tragen. Und für eine Trauerkultur, die Raum lässt für Würde, Nähe und Individualität – auch dann, wenn ein Mensch scheinbar allein
gegangen ist.
Vorsorge als leiser Gedanke
Die Resonanz zu diesem Beitrag hat mir auch gezeigt, wie sehr sich gerade alleinlebende Menschen in solchen Geschichten wiederfinden. Der Wunsch, den eigenen Abschied mitzugestalten – nicht aus
Angst, sondern aus Fürsorge für sich selbst und andere – ist oft still, aber präsent.
Für diesen Prozess habe ich ein Kartenset entwickelt, das dabei hilft, die eigenen Gedanken und Wünsche in Ruhe zu
sortieren. Die begleitende Checkliste macht es leicht, diese festzuhalten und später griffbereit zu haben – im Notfallordner oder als Vorbereitung für ein Gespräch zur Bestattungsvorsorge.
Vorsorge kann den Abschied leichter machen
Bärbel hat es vermutlich aus Unsicherheit und Angst vor falschen Entscheidungen nicht geschafft, sich um ihre Bestattungsvorsorge zu kümmern. Ein Termin beim Bestatter ist schließlich kein
Alltagstermin, auf den man sich freut – viele Fragen, viele Entscheidungen, und die Vorstellung, sich damit alleine auseinanderzusetzen, kann überwältigend sein.
Eine Sterbegeldversicherung und Bestattungsvorsorge hätten hier aber sanft entlastet: Die Sterbegeldversicherung stellt nämlich sicher, dass die
finanziellen Mittel für die Bestattung bereitstehen. Der Bestattungsvorsorgevertrag hätte ihr erlaubt, die eigenen Wünsche – von der Art der Bestattung über Musik bis zu kleinen persönlichen
Details – verbindlich festzulegen. So hätte niemand in letzter Minute schwierige Entscheidungen treffen müssen, und ihre eigenen Vorstellungen wären, auch ohne mein Zutun, respektiert
worden.
Für Menschen wie Bärbel kann eine solche Vorsorge Ruhe und Sicherheit schenken – ein Schritt, der die eigene Zukunft selbstbestimmt gestaltet und gleichzeitig mögliche Belastungen für andere
reduziert.
Wertvolle Unterstüzung zu diesen Themen findest du auf meiner Seite Wegbegleiter:innen.
Kleine Randnotiz
Eine frühe Arbeit – und ein wichtiger Lernschritt
Vielleicht fällt dir auf, dass die Stoffurne von Bärbel noch nicht die Passform hat, die meine heutigen Urnen auszeichnet. Das hat einen einfachen Grund: Sie war – neben der Urne für Gerhard –
erst die zweite Stoffurne, die ich überhaupt gefertigt habe.
Zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch keine echte Aschekapsel zur Verfügung und habe mit ungefähren Maßen und viel Intuition gearbeitet. Die Urne durfte weich sein, beweglich, fast schützend – aber
sie saß noch nicht so präzise, wie ich es mir heute wünsche.
Erst später konnte ich mit echten Aschekapseln als Modell arbeiten. Dieses praktische Wissen hat meine Arbeit entscheidend verändert. Seitdem entstehen meine Stoffurnen mit einer klaren,
durchdachten Passform: Die Aschekapsel liegt sicher und stimmig eingebettet im Inneren.
Rückblickend gehört auch diese „Unvollkommenheit“ zur Geschichte von Bärbels Urne. Sie erzählt von einem Anfang, von Lernen, von einem Weg, der sich Schritt für Schritt entwickelt hat – erfüllt
von dem Wunsch, jedem Menschen einen würdevollen, liebevoll gestalteten Abschied zu ermöglichen.







Kommentar schreiben